Wo ist die Zeit schon wieder hin? Gedanken über Fremdbetreuung, Karriere, Alltag mit Kind

Leider ist nun doch schon wieder soviel Zeit vergangen, bis ich es wieder geschafft habe, hier etwas zu posten.

 

Natürlich ist viel passiert- wie bei euch sicherlich auch.

Ein Kurzumschlag: 

Wir haben wie letzten Monate alle zusammen turbulent erlebt- es wurden viele Pläne geschmiedet und viele wieder verworfen. Wir hatten das Grundstück für das Mehrgenerationenwohnen schon fast gekauft und dann kam es doch wieder anders. Wir bleiben also zunächst erst einmal hier zu dritt und halten uns frei wie die Vögel und ohne Schulden im Gepäck alle Optionen offen.

Viele Zeichen haben gegen unser Projekt gesprochen und vielleicht war es im Nachhinein betrachtet auch nicht so schlecht, denn es ist und bleibt uns extrem wichtig, unser Lebenskonzept der aktuellen jeweiligen Einstellung und Situation anzupassen. Die Erkenntnisse aus "falschen" Entscheidungen sind ungemein wichtig und wir hoffen, dass uns die nächsten Schritte weiter zum Ziel führen werden.

Was ich mir vorstelle für die nächste Zeit und was ich mir wünsche, dazu komme ich später noch.

Nun aber erst einmal in Kürze, was sich sonst noch getan hat. 

Entwicklung unserer Maus

Unsere Tochter macht wie jedes Kind in dem Alter zwischen 1-2 Jahren täglich erkennbare Fortschritte. Sie spricht fast alle Worte nach, behält sich sehr viele, formuliert 2-Wortsätze und hat ganz klare Vorstellungen, was sie wie haben möchte:-)

Wir befinden uns ganz klassisch mitten in der Trotzphase und haben regelmäßige Wutanfälle zu begleiten, gerne auch in der Öffentlichkeit. Ich bin höchstbegeistert von dem Buch zum Erfolgsblog: "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn" - es gibt meines Erachtens unglaublich wertvolle Hilfestellungen um gelassener auf Situationen zu reagieren, die mich schon häufig zur Verzweiflung führen können. Die Fallbeispiele in dem Buch kommen sicherlich jeder Mutter bekannt vor, es lenkt jedoch den Blick weg vom Betroffenen hin zum objektiven Beobachter. Es hat mir geholfen, die Bedürfnisse hinter den Wutanfällen zu erkennen und darauf einzugehen und nicht wie im ersten intuitiven Affekt mit Vorwürfen und Ermahnungen zu reagieren. Ich muss gestehen, ich verfalle trotz allem sehr häufig in alte Muster, die ich vielleicht noch aus meiner Erziehung kenne. Intuitive "Erziehung" ist eben nicht objektiv und richtig, denn es kann zu einer unreflektierten Wiederholung der uns bekannten Erziehungsmaßnahmen aus der eigenen Kindheit führen. Ein Zurücktreten und Überdenken kann daher sehr fruchtbar sein.

Kinder in diesem Alter können kognitiv noch nicht die Folgen ihres Handelns erkennen, sie können auch noch nicht verstehen, dass wir nicht aus reiner Boshaftigkeit die Dinge nicht so umsetzen, wie sie es sich gerade im Kopf ausgemalt haben. Für die kleinen Mäuse sind wir allwissend und sollten doch in der Lage sein, zu wissen, wie sie jetzt genau die Schuhe angezogen bekommen wollen etc. Was ich auf jeden Fall bestätigen kann, ist die Beobachtung, dass Kinder vor allem dann trotzig reagieren oder ungehalten sind, wenn wir sie schon häufiger im Laufe des Tages ermahnt, zurechtgewiesen, ihnen Dinge weggenommen oder vorenthalten bzw. sie nicht richtig beachtet haben. Es kommt dann scheinbar zu einem Überlaufen des Fasses und dann ist schon das Reichen des falschen Bechers ein fataler Fehler, der zu aggressivem Verhalten führen kann. Eine Sache finde ich aber bemerkenswert; Kinder können sich unglaublich beherrschen - sei es in der Kita oder bei anderen Leuten. Sie kooperieren dann aufs Höchste, nehmen sich zurück und müssen mit Verboten zurechtkommen. Was ist die Folge? Na klar- irgendwann muss sich der Stress daraus entladen und das Kind kann sozusagen die Hülle ablegen und zu Hause die ganze Palette an Emotionen auffahren. Und das ist auch richtig so! Zeigt es doch auch das Vertrauen, was sie uns gegenüber als Eltern haben, denn wir nehmen sie auch nach den schlimmsten Wutanfällen und Beißattacken in den Arm und setzen sie nicht auf die Straße. Unsere Aufgabe ist es dann zu zeigen, dass wir sie, egal was passiert, lieb haben und genauso annehmen, wie sie sind. Ich weiß, das ist nicht Immer leicht.

Windelfrei

Wir sind nun endlich und sogar schon seit dem 15. Monat windelfrei! Wir haben eine selbstbestimmte Tochter, die zu ihrem stillen Örtchen geht bzw. uns auffordert, mitzugehen und sogar nach getaner Arbeit versucht, sich selber sauber zu machen. Wie genau kam das? Nun ganz von alleine....

Wie ihr wisst, lassen wir Madame häufig ohne Backup zu Hause rumtoben und es ergab sich nun vor einiger Zeit, dass sie sich immer an einem bestimmten Platz, genau in ihrem Zelt, "erleichterte", wenn sie uns mal nicht durch Zeichen zum Abhalten aufgefordert hatte. Nachdem mir das aufgefallen war, habe ich einfach an genau diese Stelle ein Töpfchen hingestellt und das Pipi-Tipi war eröffnet. Sie ging nun immer genau dahin, wenn sie musste und tat das sogar mit einer immensen Freude. Ich hätte bis zu diesem Tag niemals gedacht, dass mein Kind einmal länger als 5 Sekunden ruhig an einem Ort sein könnte. Aber manchmal sitzt sie auch einfach so an ihrem Platz und blättert genüsslich durch die verfügbare Lektüre. Wir brauchen also ziemlich verlässlich keine Windeln mehr, auch nachts hält sie momentan bis zum Morgen durch, obwohl sie eine Windel umhat und sich natürlich auch melden könnte.

Unterwegs entscheide ich meist spontan, ob ich es ohne Windel ausprobieren möchte, das kommt auf Wetter, Dauer des Ausfluges und Zielort an. Ich möchte mich nicht unbedingt im nächsten Kindercafé unbeliebt machen, wenn es mal schief geht, auf dem Spielplatz aber ist es mir eigentlich egal und ich hab einfach Wechselsachen dabei. Natürlich hat Madame auch eine klare Meinung dazu und will meistens ohnehin keine Windel tragen...

Tragen

Wir tragen (zu meinem Glück und für die Existenzberechtigung meines riesigen Tuchstapels) noch täglich. Wir beide genießen es noch sehr und es findet sich immer noch eine Gelegenheit, sei es zum Einschlafen, Einkaufen, Beruhigen oder Kochen, es ist so etwas besonders und ich hoffe, es gibt noch viele solcher Tragemomente. Es gibt aber auch immer häufiger argen Protest, wenn ich gerade dabei bin, ein Tuch auszuwählen. Das muss ich dann natürlich akzeptieren, ein Tuch kommt aber eigentlich immer und bei jedem Ausflug mit ins Gepäck. 

Ich habe extrem viel herumexperimentiert und habe viele neue Bindeweisen ausgetestet mit verschiednen Tuchlängen und Materialmixen - ein so spannendes Thema, das ich dazu etwas extra posten möchte. Habt ihr Fragen zu Material- und Markenempfehlungen bzw. zu Bindeweisen? - dann sprecht mich doch einfach mal an:-)

Essen

So langsam habe ich das Gefühl, unsere Tochter könnte tatsächlich von der zugeführten Essensmenge satt werden und hängt nicht mehr so stark von Muttermilch ab- denn ja, wir stillen noch immer , wenn auch eigentlich nur noch nachts.

Sie probiert mittlerweile deutlich mehr aus, hat Vorlieben entwickelt aber genauso hat sie Phasen, in denen ausschließlich bestimmte Lebensmittel gegessen werden - eine Woche fast nur Nudeln und Reis, eine andere nur Käse und Buttermilch. Gemüse und Obst zum Glück auch ab und zu. Ein Problem ist die noch geringe Anzahl an Zähnen, was es immer noch erfordert, einiges an Obst und Gemüse zu pürieren, um es für sie überhaupt erst verwertbar machen zu können. Zumindest löffelt sie ihr Essen selber und kann ihren ganz eigene Essensrhythmus dadurch wahren. Wir versuchen es immer, gemeinsam die Mahlzeiten einzunehmen aber zeigt sie gerade absolut kein Interesse am Essen, wird weitergespielt oder am (oder auch auf dem) Tisch Buch angeschaut. Meistens kommt dann doch nochmal der Appetit zurück und es wird noch der eine oder andere Happen gegessen. Feste Essenszeiten empfand ich immer als sehr stressig und auch dem Essverhalten meiner Tochter nicht angepasst. Sie hat, wie ich auch, zu unterschiedlichen Zeiten Hunger oder Lust auf bestimmte Lebensmittel-darauf versuche ich einzugehen und auch einfach immer etwas dastehen zu haben. Sie darf dann autonom entscheiden, wann sie es essen möchte und ist dadurch ein wirklich guter Esser geworden. 

Betreuungsfrage

Es ist das Thema, das mir tatsächlich nachts den Schlaf raubt, da bin ich ganz ehrlich. Ich durchdenke das Thema ständig und vergleiche meine Pro- und Contraliste. Ich bin mir wirklich so unsicher. Da ich nicht in meinen alten Job zurückgehen möchte und etwas neues anfangen würde, ist die Frage, was am besten für uns alle ist. Ich denke grundsätzlich kann es sehr heilsam für unsere Familie sein, wenn diese 1:1-Betreuung nun durch eine halbtägige Tagespflegegruppe ergänzt wird und ich auch wieder die Möglichkeit habe, beruflich tätig zu sein und einfach mal wieder "rauszukommen"-ja, da bin ich ganz ehrlich. Ich war bis vor kurzem auch noch vollständig überzeugt, dass es für unsere Tochter eine echte Bereicherung sein könnte, mehr Bezugspersonen zu haben und Teil einer Gruppe zu sein. Es sollte hier auch ergänzt werden, dass ich mir sehr wohl meiner Luxussituation bewusst bin. Die meisten Eltern haben überhaupt keine Alternativen oder Wahlmöglichkeiten und müssen auch häufig unter einem Jahr wieder arbeiten gehen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Es sähe auch in unserem Fall finanziell rosiger aus, würde ich jetzt wieder arbeiten gehen, aber - und das ist der entscheidende Punkt -  wir kommen auch ohne mein Einkommen zurecht.

Ich möchte gerne wieder etwas anderes tun, frage mich aber, wie erfüllend Tätigkeiten in Teilzeitjobs sein können

Eigentlich möchte ich wieder die interessante Vollzeitstelle annehmen, was in der Folge 45h Fremdbetreuung für meine Tochter bedeutet. Letztendlich bleiben mir auch hier nicht zu viele Wahlmöglichkeiten, da die meisten Einrichtungen ohnehin nur 45h-Verträge haben... 

Ich habe mich nun also getraut und mich nach langer Suche nach 1. einem freien Betreuungsplatz, mit dem ich mich auch 2. konzeptuell und menschlich anfreunden kann für eine Tagespflege direkt vor unserer Haustür entschieden. 

Die Eingewöhnung ist bereits die dritte Woche im Gange und ich muss sagen, dass ich selten eine emotional belastendere Erfahrung in meinem Leben machen musste. Ich gebe sie ab- sie weint, beruhigt sich wohl aber wieder schnell. Wenn ich sie abhole, schaut sie mir gar nicht in die Augen und sieht betrübt aus. Sie winkt den Erziehern nicht zum Abschied und es dauert etwa 10 min, bis sie überhaupt wieder etwas von sich gibt. Rausgehen oder auf dem Spielplatz sein will sie überhaupt nicht sondern sofort nach Hause. Dort angekommen kann ich sie nicht mal fertig ausziehen, bis die Tränen aus ihr rausbrechen. Es entfacht sich jedes mal ein richtiges Feuerwerk der Gefühle und Emotionen und sie haut um sich, verletzt mich und sich selber. Dabei kann ich sie kaum beruhigen, es ist einfach nur herzzerreißend. Ich habe das Gefühl, sie kann sich in der Einrichtung nicht so äußern, wie es eigentlich ein so kleines Kind machen sollte-das Weinen wird schon im Keim unterbunden und auch das Schlafen wird entsprechend nicht gut begleitet. Jetzt frage ich mich natürlich, was kann ich auch erwarten bei so vielen Kindern und zwei Erziehern? Entweder ich entscheide mich jetzt dafür und begleite sie bestmöglich dabei oder ich lasse es eben. So viele Optionen gibt es nun leider auch in Großstädten nicht. 

Ich werde das ganze die nächste Woche beobachten und dann eine Entscheidung fällen, denn emotional gebrochen will ich meine Tochter nicht zurückhaben. Ich kann das nicht aushalten, welche Mutter oder welcher Vater kann das schon?

 

Letztendlich ist die Frage immer die gleiche, was ist das beste für uns alle? Es ist leider genauso unnatürlich die meiste Zeit mit Kind alleine zu sein (abgesehen von einigen Aktivitäten mit andere Müttern mit Kindern). Aber die Alternative mit stundenlanger, ggf. nicht artgerechter, Fremdbetreuung ist auch keine natürliche Lösung. Die Gemeinschaften von früher mit all ihren positiven und negativen Aspekten gibt es kaum noch und das Familienleben muss sich den Bedingungen anpassen. Oder geht es auch anders? Wir alle arbeiten weniger und haben mehr Zeit zusammen, aber genauso weniger Mittel das Leben zu finanzieren. Ich bin der Meinung wir können auf vieles verzichten ja, aber wenn man nicht ganz aussteigen will oder als digitale Nomaden um die Welt reisen möchte, braucht es Geld für Miete, vernünftiges Essen, Versicherungen (sicherlich auch eine Diskussion wert), Kleider, Mobilität und Aktivitäten. 

Ich kann die Frage nach dem für uns passenden Lebenskonzept noch nicht beantworten-ich finde, Gemeinschaften haben sehr viele Vorteile aber können auch die persönliche Freiheit ungewohnt und unangenehm und vielleicht auch zu stark einschränken. Ich mag auch das Leben in unseren Breitengraden und unserem Kulturkreis- ich habe sehr viele Jahre woanders gelebt und fühl mich nunmal in Europa am wohlsten. Vielleicht müssen wir uns ja aber auch nicht final entscheiden sondern immer in der jeweiligen Situation entscheiden, was zu uns am besten passt. Jetzt ist es für uns vielleicht an der Zeit in die Landschaft und Umgebung zu ziehen, die uns wirklich gefällt und dort neu zu starten. Wenn das nicht mehr passen sollte oder wir unzufriedener werden, müssen wir wiederum ehrlich mit uns sein und die Entscheidung neu überdenken. Denn das ist für mich die Freiheit, ohne Verpflichtungen und Schulden flexibel und offen für neue Wege zu bleiben!

 

Alles Liebe für euch und ich freue mich über eure Meinungen!

 

 

 

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