1 Jahr vorbei! Was hab ich gelernt und wie wird es weitergehen?

Es ist unfassbar, aber der Kalender lügt wohl nicht, genauso wenig wie die Entwicklungssprünge unserer Tochter- es ist schon über 1 Jahr her, dass wir Eltern worden und sich unser Leben so radikal und kaum in Worte fassend änderte.

Madame hat kurz vor dem ersten Geburtstag zu laufen begonnen, erfindet täglich neue Worte und imitiert das von uns Gesagte. Sie spielt, tobt, hat einen starken Willen und wird täglich autonomer. Sie kuschelt, beißt, beschäftigt sich selber, wirft sich auf den Boden und schreit und schreitet unaufhaltsam in der Entwicklung voran. Wir haben also einen ganz normalen Eltern-Alltags-Wahnsinn.

Mir schwingen noch die Worte aller anderen Eltern im Kopfe nach, die beteuerten, dass die erste Zeit so schnell vorbeigehen wird. Ich konnte mir das in den sehr anstrengenden und nie enden wollenden ersten Monaten wirklich kaum vorstellen, aber nun wird es auch langsam mir bewusst, dass die Zeit gerade relativ gesehen so wahnsinnig schnell davon rast.

 

Was hab ich gelernt in diesen ersten 12-13 Monaten? Welche neuen Seiten von mir selbst sind zum Vorschein gekommen und wie stelle ich mir die Zukunft vor?

Schwere Fragen! Die wesentlichste Erkenntnis ist wohl die, dass ich mir das Mamasein niemals hätte so anstrengend vorstellen können. Es fordert einfach alles. Es fordert soviel Geduld, Achtsamkeit und Bereitschaft, seine eigenen Bedürfnisse erst einmal ganz schön zurückzustellen. Manche Tage bestehen nur aus schreien, tragen, kochen, Abhaltestreik und ergo vollen Windeln, Boden wischen, Sachen packen, Wäschebergen, wieder kochen, essen, füttern und dem Kampf, das Kind zum schlafen zu bewegen. Manchmal empfinde ich unendliche Liebe und Überwältigung gepaart mit Überforderung, Wut und Erschöpfung. Eine weitere Erkenntnis aber ist auch diejenige, dass die Kinder für all diese Überforderungsgefühle gar nichts können. Klar projiziere ich häufig meine Wut auf ihr Verhalten, aber genauso bewusst ist mir ihre Unbedarftheit und ihre bedingungslose Liebe für uns. Es ist einfach falsch zu glauben, dass die Kinder uns mit Absicht zur Weißglut bringen. Falscher kann man wohl nicht denken. Sie wollen die Welt entdecken, kooperieren auf ganzer Linie, auch wenn es manchmal gar nicht danach aussieht. Sie wollen mithelfen und werfen dabei alles um, sie pullern auf den Boden, weil sie nicht in die Windel machen wollen. Sie weinen, weil sie Zuwendung wollen und schlafen dann, wenn SIE es wollen und müde sind. Es fällt schwer das zu akzeptieren. Unsere Tochter ist hochgradig autonom und möchte alles selbst entscheiden und machen. Käme ich ihr dabei immer in die Quere und würde sie davon abhalten mir zu "helfen" oder ihr nicht vertrauen, ihre Fähigkeiten auf dem Spielplatz zum Beispiel einschätzen zu können, würde sicherlich auch die zukünftige Selbständigkeit darunter leiden. Natürlich ist es so schwer diese Balance zwischen geschehen lassen und eingreifen zu wahren und lieber einmal länger abzuwarten und nichts zu sagen. Wir sind meiner Meinung nach häufig zu schnell mit unseren Aussagen, Maßregelungen, zu ungeduldig um Dinge geschehen zu lassen, zu sehr im Alltagsablauf gefangen, dass es kaum Raum für die so dringend benötigte Muße und Entfaltung gibt.

Ich konnte mir bevor ich Mutter wurde auch gar nicht vorstellen, dass ich soviel Wut empfinden und mich so ohnmächtig fühlen kann. Das Kind schreit und du kannst einfach nicht allem gerecht werden...leider nicht immer.

Was ist nun der aktuelle Stand beim Essen, Windelfrei, Tragen und Spielen? Wie wird es nun weitergehen?

Essen:

Das Essen ist mittlerweile etwas leichter geworden. Wir haben unseren eigenen Weg gefunden. Madame bekommt einerseits das ganz normale Familienessen (nicht zu sehr gesalzen und kindergerecht serviert) und ab und an auch Brei. Sie liebt zum Beispiel ihren morgendlichen Grießbrei, den sie mittlerweile auch selber löffelt. Ich hatte schon des öfteren das Gefühl, dass sie manchmal sogar Brei dem anderen Essen vorzieht. Sie liebt Brokkoli und Gurke aber auch Reis mit püriertem Gemüse. Manchmal isst sie mehr, an anderen Tagen fast nichts. Ich habe aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen und vertraue auf ihre Kompetenz. Sie hat eine gute, gesunde und vielseitige Auswahl, auch wenn es häufig nur die puren Nudeln sind, die gegessen werden. Sie wird noch am Abend und nachts gestillt, in ganz seltenen Fällen auch am Tag- zum Beispiel, wenn kein anderer Beruhigungsversuch Wirkung zeigt. Dadurch sehe ich auch die Nährstoffversorgung unkritisch. Madame bekommt grundsätzlich alles angeboten (obwohl wir selber vegan leben), doch ich habe auch bei ihr eine eindeutige Präferenz der nicht tierischen Produkte feststellen können. 

Tragen:

Madame wird noch immer häufig getragen, auch wenn es von Tag zu Tag weniger wird. Sie will laufen oder sogar lieber im Buggy sitzen, so dass ich sie nur zum Schlafen oder für kurze Wege ins Tuch packe. Häufig ernte ich dafür sogar einen durchgestreckten Körper und viel Protest. Ich genieße aber auch selber mittlerweile den Komfort eines fahrbaren Begleiters, mit dem ich Spielzeug, Essen, Wasser und Einkäufe problemlos transportierten kann. Die Kombination aus allem erscheint mir aktuell die beste Lösung zu sein und ich bin ganz froh, den Buggy noch nicht verkauft zu haben. 

Im Sommer sind Shorty-Tragetücher, also sehr kurze Tücher bis etwa 3,40m eine tolle Erleichterung, vor allem aus sommertauglichen Materialien wie Hanf und Leinen. Sie sind schnell verstaut und es gibt nicht so viel Stoff zu verwickeln-mein Tuchstapel ist daher noch einmal angewachsen :-) Am liebsten binde ich derzeit die symmetrical Half Jordan Back Carry oder die Twisted Pirate Carry (siehe YouTube)- diese Bindetechniken sind ungeheuer bequem und für Babys ab Sitzalter eine tolle Alternative zum Einfachen Rucksack oder mehrlagigen Bindetechniken mit langen Tüchern (Double Hammock, Wickelkreuzrucksack...). Ich probiere gerne neue Techniken aus und bin immer wieder fasziniert, wie viele Möglichkeiten es auch mit so kurzen Tüchern gibt. 

Windelfrei-Abhalten:

Ach ja....ein schwieriges Thema. Ein frustrierendes Thema....Es klappt gerade fast gar nichts und ich hab es schon beinahe aufgeben wollen. Die Welt ist zu spannend um sich abhalten zu lassen. Lieber wird die Windel genutzt und schon der Gang zum Bad wird mit viel Geschimpfe kommentiert. Da ich das Abhalten als ein Bedürfnis des Kindes verstehe, möchte ich sie nicht dazu zwingen und versuche wenigstens das Bewusstsein für die Ausscheidungen durch häufiges Nackigsein beizubehalten. Sie erkennt sehr wohl, wenn sie muss und wenn sie sich eingenässt hat und kommt prompt angelaufen um sich mitzuteilen. Das versuche ich beizubehalten und hoffe darauf, dass mir der baldige Spracherwerb zu Gute kommt:-) Nachts ist es manchmal gut und manchmal völlig umsonst. Ich habe aber festgestellt, dass Madame in der Nacht kaum noch pieseln muss. Meistens einige Stunden nach dem Einschlafen und dann erst am frühen Morgen wieder. Das ist schonmal eine super Entwicklung. Natürlich liegt es daran, dass sie nachts nur noch selten trinken will. Noch liegt Madame zwischen uns und ich hoffe auf den richtigen Moment, das Stillen nachts auslaufen zu lassen und bin gespannt, wie das von statten gehen wird. Ich werde berichten...

Spielen:

Ich bin wirklich beeindruckt, wie schnell die kindliche Entwicklung voranschreitet. Jeden Tag eine neue Fähigkeit und jeden Tag mehr Interaktion. Unglaublich. Der Spielplatz ist zu einem täglichen Ritual geworden und auch drin reicht die Konzentrationsphase mittlerweile für das Anschauen von Büchern und für diverse motorische Spiele. Das Malen mit Wachsstiften oder Fingerfarben ist noch nicht so interessant und auch für das Vorlesen interessiert sie sich noch nicht. Sicherlich verhält sich dabei jedes Kind sehr individuell und ich biete weiterhin verschiedene Aktivitäten an. Zur Zeit ist es aber das Tollste, auf dem Spielplatz die Gegend zu erkunden und das am besten ohne Mama:-) 

Was das Klettern und die Gefahren angeht, versuche ich schon sehr spät einzugreifen. Meistens weiß Madame sehr gut Ihre Fähigkeiten und Grenzen einzuschätzen. Bei Unsicherheit ruft sie nach Hilfe und ist doch eher vorsichtig. Trotzdem traut sie sich alleine die Stufen zur Rutsche hoch und klettert diese auch gerne mal unten angekommen wieder hoch. 

Zu Hause empfinde ich es immer als schwierig, etwas zu schaffen und beispielsweise zu kochen. Zwar kann sie ganz gut alleine spielen, wenn ich auf dem Boden dabei sitze, aber sobald ich etwas kochen oder wegräumen will, hängt sie quengelnd an meinem Hosenbein. Binde ich sie ein, zum Beispiel, wenn ich ihr sage, etwas an einen bestimmten Ort zu räumen oder etwas zu holen, sieht die Situation besser aus. Es ist unverkennbar die Selbstwirksamkeit und das Mitwirken, was das Kind möchte und natürlich total verständlich. Immer kann ich dem nicht gerecht werden und manchmal fehlt mir die Energie, alles wegzuräumen, wenn ich sie mit im Teig manschen lasse oder beim Schneiden auf dem Boden alles überall verteilt wird... Ich liebäugele mit der Anschaffung eines Learning Towers, eine Art Holzturm, der an die Arbeitsfläche geschoben wird und das Kind auf gleicher Höhe das Geschehen verfolgen kann und auch ein paar Arbeiten zugeteilt bekommt. Mal sehen, ob das helfen kann...

Wie wird es nun weitergehen?

Madame ist eine sehr sensible Persönlichkeit, sie liebt es unter Kindern zu sein und unter Leuten im Allgemeinen. Sie braucht aber auch sehr häufig die Beruhigung durch uns Eltern oder will häufig hochgenommen werden. Sie erscheint mir generell noch nicht bereit für eine ganztägige Betreuung, abgesehen davon, dass ich ohnehin keinen Platz in einer KiTa zugeteilt bekommen habe. Was ist nun der richtige Weg? Selbst jetzt ist es schon sehr stressig mit einem beruflich stark eingespannten Elternteil und ohne Verwandtschaft in der Nähe. Ich habe schon jetzt häufig das Gefühl, dass die Zeit so unaufhaltsam rast und ich lieber auf vieles verzichte um mehr Zeit gemeinsam zu haben. Wie findet man den richtigen Mittelweg aus Arbeit, Familie und Einkommen und vor allem Zufriedenheit? Zur Zeit kommen wir noch mit einem Gehalt zurecht, aber ich will auf jeden Fall neben der Arbeit zu Hause etwas tun. Obwohl ich sagen muss, ich fände es leichter, das Kind abzugeben und zu arbeiten als immer alleine die Betreuung zu übernehmen- denn das ist meiner Meinung nach die anstrengendere Arbeit (und viel zu häufig unterschätzt!). Ich habe so viel Angst davor, in einem Alltag gefangen zu sein, der nur aus Stress, Terminen und KiTa-Zeiten und Maßregelungen besteht, weil es einfach zu wenig Spielraum gibt. Ich glaube, dass der Alltag eines städtischen Lebens mit Familie für mich zu wenig Gestaltungsräume bietet. Da ist das Problem der hohen Mieten, weswegen eigentlich beide arbeiten müssen. Das Problem, das Kind nicht einfach laufen lassen zu können, immer auf den Spielplatz gehen zu müssen, auf dem Kinder nur sehr beobachtet und kaum frei spielen können. Wieviel Muße bringe ich mit nach einem harten langen Arbeitstag? Ist es das richtige Konzept für uns(!) ? Was will ich eigentlich erreichen? Diese ganzen Fragen schwirren mir im Kopf und sind kaum zu beantworten. Ständig wäge ich ab zwischen Vor- und Nachteilen der Stadt und des Angestellten-Daseins. Was aber bringt es mir, ein Haus zu bauen und sich noch mehr in die Abhängigkeit manövrieren zu lassen? Ich habe ein Projekt der Selbstständigkeit im Kopf, doch brauche ich dafür Räumlichkeiten, die in der Stadt zur Miete sehr teuer sind und fast schon das ganze Projekt kippen. Ich bin wie ihr seht hin- und hergerissen. Hinzu kommt meine Angst vor dauerhafter Teilzeit und dem Glauben, dass ich da kaum das machen kann, was mir gefällt. 

Eine Überlegung ist aktuell die Umsetzung eines Mehrgenerationen-Konzepts. Wir haben schon lange nach gemeinschaftlichen Lebenskonzepten gesucht- die Idee davon, gemeinsam Dinge zu teilen und sich im Alltag gegenseitig zu unterstützen und wieder etwas weniger Einzelkämpfer sein zu müssen. Vor allem als junge Mutter fühl ich mich häufig isoliert und etwas allein gelassen. 

Wir haben jedoch auch erkannt, dass uns nunmal die Familie am nächsten ist und es selbst da schon genug Konfliktpotential geben kann. Wir überlegen daher, wieder in unsere alte Heimat (nach 10 Jahren wilden Umher-Reisens) zurückzukehren und ein gemeinschaftliches Mehrgenerationen-Haus zu bauen. Durch den Verkauf eines schon bestehenden Hauses, wäre der Rest-Kredit für 4 Parteien minimal und damit keine Behinderung für weitere Ideen der Selbstständigkeit. Es gibt hierfür natürlich Pros und Cons und jeder muss für sich entscheiden, was das richtige Lebenskonzept ist. Aber wir möchten, dass unsere Kinder die Großeltern häufiger als einmal im Vierteljahr sehen und sowohl Großeltern als auch Kinder voneinander profitieren können. Dabei hätten wir alle Pflichten aber auch Unterstützung. Das Haus sollte ökologisch und in Holzbauweise erbaut werden und Platz für einen Produktionsbereich bieten- um mit dem Projekt der Selbstständigkeit zu starten. 

Ein großes Contra ist der momentane Immobilienmark-das aktuelle Hoch wird nicht ewig bestehen und die Werte werden sinken, sowie die Zinsen steigen. Wir würden teilweise durch den Hausverkauf in der Stadt davon profitieren und gegen die ländliche Lage tauschen. Nach langem Suchen ist es uns auch tatsächlich gelungen, ein Grundstück zu finden und die Verhandlungen sind im Gange. Es befindet sich etwa eine gute halbe Stunde vom Stadtzentrum und liegt quasi in Alleinlage vor den Toren der Sächsischen Schweiz am Hang mit einer traumhaften Aussicht. Direkt angrenzend gibt es einen Wald, Gehöfte und Apfelplantagen. Es ist dörflich aber nicht dörflich im negativen Sinne- es ist ein freistehendes Grundstück und somit wirkt es nicht so einengend.  Die Grundstücksfläche beträgt etwa 2000 m2 und hinzu kommt noch eine Streuobstwiese - viel Land für viele Ideen und Möglichkeiten sowie die unglaublich gute Verbindung zur Stadt, diese Kombination scheint goldrichtig für uns.

Geht alles so seinen Gang, werden wir einen Blog zu unserem Bauprojekt starten und mit anderen unsere Planung und Erfahrungen teilen. Ich glaube, dass dieses Konzept der Mehrgenerationen wieder viel wichtiger werden wird, gerade in Zeiten hoher Geburtenraten, Überalterung und Umdenken vieler junger Leute. Letztendlich waren es doch schon immer die Familien und die Sippen, die sich unterstützt und gemeinsam gelebt haben. Ein Erfolgsrezept früherer Generationen und auch noch heute in südländischen Kulturen.

Ich bin sehr gespannt und freue mich auf die nächsten Abenteuer. 

Ich spiele trotzdem mit dem Gedanken, noch vor dem Umzug unsere Tochter zumindest halbtags in Betreuung zu geben und wieder arbeiten zu gehen - obschon es einen baldigen Ortswechsel geben wird. Mein Gefühl sagt mir, dass Madame nicht so recht zufrieden zu Hause allein mit mir ist. Sie ist so schnell gelangweilt und wie oben berichtet nicht sehr zufrieden, wenn wir zusammen sind. Es fehlt ihr die Gesellschaft und ich kann sie kaum ausreichend zum Spielen animieren oder beschäftigen. Es schwingt mir das schlechte Gewissen mit, ihr etwas vorzuenthalten, gerade, weil sie mit anderen Kindern und Leuten aufblüht. Diese 1:1-Betreuung ist und bleibt unnatürlich. Natürlich ist das Zusammensein in einer Gruppe und die kann ich gerade nicht bieten. Das tut mir in der Seele weh und ich denke, die Betreuung ist ein Ersatz dafür, auch wenn es gleichermaßen unnatürlich ist. Mal schauen, wie schnell ich in unserer Metropole einen Platz bei einer Tagesmutter ergattern kann- leicht wird es wohl nicht werden. Zumindest hat die Anmeldung bei 10 KiTas für dieses Jahr nicht zum Erfolg geführt ...ich bin gespannt!

 

Bis dahin alles Liebe und bis bald!

 

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