Selbstbestimmte Geburt - Nachdenken über unsere Erlebnisse- (k)ein Geburtsbericht und wie man es besser machen sollte

Wie bin ich wieder zu diesem Thema gekommen nach so langer Zeit? Zum einen glaube ich, es braucht etwas Zeit, das ganze Geburtsgeschehen zu verarbeiten, zum anderen bin ich vor kurzem auf den Dokumentarfilm - "The Business of Being born" - gestoßen und ich wurde unweigerlich an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Der Film schildert die bedenkliche Entwicklung der Geburtsindustrie und zeigt die Folgen einer zunehmend unnatürlichen Geburt für Mutter und Kind auf, bestimmt durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesen und dem Wunsch der Mütter nach einer schmerzfreier und risikoarmer Geburt (auch wenn die medizinischen Eingriffe ganz und gar nicht risikoärmer sind). Jede dritte Geburt in den USA erfolgt mit Hilfe eines Kaiserschnittes und nur 8% der Geburten werden von Hebammen begleitet. Auch in Deutschland ist die Zahl der Beleghebammen abnehmend, bedingt durch die steigenden Kosten für Versicherungen und das Risiko verklagt zu werden. Ich habe mich unweigerlich fragen müssen, warum ich dem Thema im Vorfeld so wenig Beachtung geschenkt hatte. 

Unsere Geburt verlief im Nachhinein betrachtet nicht sehr optimal, in dem eigentlichen Moment allerdings konnte ich die Situation nur schlecht einschätzen- ich war unerfahren, ängstlich und glaubte, es ist richtig die Verantwortung komplett abzugeben. Im Ergebnis frage ich mich jetzt, wieviel ich bei vollem Verstand anders entschieden hätte. Ich wollte keine Medikamente, PDA oder Saugglocke und am Ende war es eine Cascade an unnatürlichen Eingriffen in einen an sich natürlichen Vorgang. 

Meine Geburtsgeschichte begann 7 Tage nach errechnetem Entbindungstermin- nach Überschreiten des ET wurde mir nahe gelegt alle 2 Tage zur CTG-Kontrolle zu gehen und am 7. Tag nach ET sollte mit Medikamenten die Geburt eingeleitet werden, ein standardmäßiges Prozedere. Für mich war die Sache eigentlich gar nicht so klar und ich entschied mich, nach eindringlicher Belehrung trotzdem dafür, noch bis zum maximal möglichen 10. Tag zu warten. Am 9. Tag nach ET befand ich mich also wieder im CTG-Raum und bei anschließender Untersuchung kam es wohl zu einem Blasenriss - zumindest zum Austritt von Flüssigkeit. Da es ohnehin 10 Tage nach ET zur Einleitung im Krankenhaus gekommen wäre, wurde somit schon 12h vorher eingeleitet um die angebliche Infektionsgefahr zu minimieren. Es dauerte weitere 3 Tage bis es am 4. Tag nach erster Einnahme von Medikamenten zur Öffnung des Muttermundes kam. 3 Tage also voller sinnloser Schmerzen und Wehen, 1 Nacht voller unerträglicher Wehen. Hätte sie sich vielleicht von ganz alleine am 4. Tag ohne vorherige Medikamente auf den Weg gemacht? Haben die Medikamente meine Schmerzen derart verschlimmert, dass ich einfach eine PDA nehmen musste um nach 4 zerstörten Nächten wenigstens ein wenig schlafen zu können? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber sehr wohl, dass ich mich gestresst gefühlt habe und ein gewisser Druck von außen bestand, dass der Geburstverlauf voran geht und im Zweifelsfall auch mit mehr Medikamenten nachgeholfen werden muss. Meine Entzündungswerte waren bis zuletzt super und der Blasenriss war wahrscheinlich eine Fehleinschätzung. Klar lag diese Entscheidung am Ende bei uns und wir mussten der ganzen Prozedur zustimmen, aber wie viel Vertrauen schenkt man sich selber als unerfahrene Person in so einer Situation? Ich wollte und konnte das Risiko nicht aufnehmen, mich dem ganzen zu widersetzen. Wie bei einem Dominoeffekt führte ein Eingriff zum nächsten und zum nächsten und so weiter. Die PDA bewirkte, dass die Wehentätigkeit nicht ausreichte um den Geburtsprozess voranzutreiben, die vorherige sinnlose Arbeit der Gebärmutter führte zu einem völligen Erschlaffen der selben und zum Einstellen sämtlicher Kontraktionstätigkeit. Es musste kristellert (von oben auf den Bauch gedrückt) werden und die Saugglocke wurde angesetzt. 

Es war nervenaufreibend aber trotz allem Übel waren wir glückerweise bis zuletzt optimistisch und sogar einigermaßen entspannt. Glücklicherweise zeigte auch das CTG die Kampfbereitschaft unserer Tochter und das kräftige Unterstützen bei wirklich jeder Wehe. Nichtsdestotrotz war es alles andere als eine Traumgeburt- es war kaum mehr natürlich. Gerne würde ich wissen wollen, wie schlimm sich so eine anstrengende und gelenkte Geburt für unsere kleine Maus angefühlt haben muss. Hatte sie deswegen soviel zu verarbeiten in den ersten Monaten? Was würde ich jetzt anders machen? Mir und uns mehr vertrauen wahrscheinlich. Medizinische Eingriffe im Kontext sehen und einschätzen. Ich würde mir trauen, mich medizinischen Empfehlungen zu widersetzen und mir den Druck nicht zu Herzen zu nehmen. Wie soll sich auch der Muttermund durch Entspannung öffnen können, wenn alle um einen herum mit der Stechuhr darauf warten?

Klar ist mir bei der nächsten Geburt eine Hausgeburt die liebste Vorstellung. Andererseits weiß ich nicht, ob ich den Mut dazu habe. Bewiesen ist mittlerweile wissenschaftlich, wie wichtig die Geburt und das Erlebnis für unsere weiteren Lebensentscheidungen ist. Wie die Bindung zu unseren Müttern ist, wie das Stillen gelingt, wie wir mit Stress umgehen und wie konsequent wir unsere Ziele verfolgen. Ich muss dazu sagen, dass mich die plötzliche Verwandlung zur Mama schon sehr überforderte in dem Moment direkt nach Entbindung. Es gab soviel Unsicherheit beim Umgang mit etwas so Kleinem und Zerbrechlichem. Wie die meisten hatte ich keinerlei Erfahrungen im Umgang mit Babys und schon das Anziehen war eine Herausforderung. Ich war daher sehr froh, wenn ab und an eine Schwester kam und unsere Tochter für Folgeuntersuchungen mitnahm (aufgrund der langen Zeit zwischen Blasenriss und Entbindung). Ich war froh, wenn sie das Anziehen übernahmen, das Hochheben, das Pucken etc. Ich war einfach überfordert und körperlich geschafft. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass ich nunmehr völlig andere Nächte haben würde, nicht mehr einfach allein auf Toilette gehen kann und irgendwie immer ein schlechtes Gewissen haben würde. 

Ich würde einiges anders machen. Das Kind direkt in ein elastisches Tragetuch an mich oder den Papa dran binden. Unnötige Untersuchungen vermeiden und dem Kind noch mehr Stress ersparen. Warum hab ich das alles nicht gewusst? Warum habe ich es nicht besser gemacht? Keine Ahnung. Ich kann nur daraus lernen und es beim nächsten Mal anders machen. 

Meines Erachtens sollte das Thema jedoch deutlich mehr im Fokus stehen während der Betreuung in der Schwangerschaft und die Schwangeren bestärkt werden, etwas mehr auf ihre eigene Entscheidungsfähigkeit zu vertrauen.

 

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