Unser Windelfrei-Alltag

Unsere Windelfrei-Abenteuerreise haben wir erst im 4. Monat begonnen. Auslöser war damals die unerklärlichen Zappelaktionen meiner Tochter in der Trage und nachts , weswegen ich begann, mich intensiver mit möglichen Ursachen dafür zu beschäftigen. Bei dem Fokus auf alle Bedürfnisse unserer Babys, vergessen wir wohl scheinbar das offensichtlichste-Babys wollen genauso wenig wie wir Erwachsene ihr "Nest" beschmutzen und ihr Geschäft in die Hose entrichten müssen. Dank Pampers und Co. können sich die Babys aber sehr wohl daran gewöhnen und verlieren nach einiger Zeit ein wenig ihr Körpergefühl- sie können es einfach weniger gut steuern. Wir hatten zu Beginn der Wickelzeit aufgrund der zierlichen Statur unserer Tochter auf Wegwerfwindeln (WWW) zurückgegriffen, die Stoffwindeln passten einfach sehr schlecht.

Als wir dann endlich unsere Stoffwindeln ausprobieren konnten, begann eben diese, für uns damals unerklärliche Phase, des sich Wehrens in der Trage und der sehr unruhigen Nachtphasen. Das sind natürlich nur unsere persönlichen Erfahrungen und müssen so nicht generell auftreten. Ich hatte also einen Verdacht und wollte es ausprobieren. Der erste Versuch des "Abhaltens" -das Erleichtern des Kindes über einer Toilette, Schüssel, einem Töpfchen oder einer WWW etc. - glückte auch sofort. Als sie sich wieder offensichtlich sehr unwohl in der Trage fühlte, nahm ich sie heraus und hielt sie in einer angehockten Position über unsere Toilette und siehe da, es dauerte keine 5 Sekunden und brauchte auch keiner weiteren "Motivation" und sie erleichterte sich im doppelten Sinne.

Ich begann die Abhalteroutine nach "Standardsituationen" einzuführen, d.h. nach dem Stillen, Schlafen, bei Unruhe nachts und in der Trage. Vor allem nachts funktionierte es zu Beginn ausgesprochen gut und der Einsatz lohnte sich- sie schlief ruhiger und die Stoffwindel konnte deutlich schmaler gefüllt werden (ich bin wirklich kein Fan der monströsen Nachtwindelpakete). Es fiel mir anfangs nachts leichter, einfach Handtücher zu nutzen, da diese deutlich einfacher zu treffen sind, mittlerweile nutze ich das Töpfchen und es gab bisher noch keine gravierenden Malheure. Mit der Zeit ist Madame selbstverständlich immer mobiler geworden und immer weniger begeistert davon, vom Entdecken "abgehalten" zu werden und das An- und Ausgeziehe mag sie überhaupt nicht. Da ich kein konkretes Ziel mit der Windelfrei-Methode verfolge und das nichts mit früher Sauberkeitserziehung zu tun hat, könnte ich natürlich einfach die Windel dran lassen und eben ganz normal aller 2-3h wickeln, wie alle anderen auch. Der Haken ist jedoch, dass sie auch den eingenässten Zustand nicht mag und somit der Wickelzyklus sehr anstrengend ist. 

Unser momentaner Alltag sieht mehr oder weniger so aus, dass es weiterhin sehr gut nach Standardsituationen klappt und ich sie beim Stillen über das Töpfchen halte und direkt nach dem Schlafen und dem Tragen. Nachts ist nun wieder nach einer längeren Flaute die Trefferquote etwas besser und ich halte sie 2-3 mal pro Nacht ab (normalerweise, manchmal auch mehr, wenn mehr getrunken wird). Ich möchte daher nachts nicht auf die Windel als BackUp verzichten, denn das würde für mich persönlich zu einer unruhigeren Nacht führen. Sie trägt also eine Windel, einen Body, Nachthemd und Schlafsack- das ist nicht ungemein praktisch, aber mit Übung auch mit wenig Licht zu händeln. Tagsüber trägt sie Abhaltehosen (siehe Bild unten), die wirklich einfach unschlagbar praktisch sind und noch beim wegkrabbelnd geschlossen werden können. Der Streifen im Schritt besteht aus wasserfestem Material und es kann einfach eine Mullwindel eingeklemmt werden. Splitpants hingegeben sind eine tolle Idee, für mich aber häufig nicht so praktikabel, da ich schon häufiger etwas verpasse und somit ständig an- und ausziehen muss und da sind wir beide uns einig, das wollen wir nicht:-)

 

Unterwegs halte ich grundsätzlich auch ab, sofern das angemessen ist (Kommentar: also ich finde es natürlich vollkommen normal, auch sein Kind auf Toilette gehen zu lassen aber es ist nun mal nicht üblich) und es nicht zu viel Erklärungsbedarf nach sich zieht. Bei Freunden nutze ich nach Abklären die Toilette oder bei Übernachten auch unser Töpfchen für unterwegs. In Restaurants oder Cafés hängt es auch stark davon ab, ob es eine Wickelkommode im Toilettenbereich gibt (und ich somit nicht mit halbnacktem Baby durchs Lokal laufen muss). Ansonsten habe ich häufig das Gefühl, dass es auswärts sogar besser als zu Hause klappt, da Madame abgelenkt ist und soviel Neues zu verarbeiten hat. Wenn ich ihr dann die Möglichkeit biete, nutzt sie diese meistens gerne und hält dann auch wieder länger durch. 

 

Die bisherige Reise hat mich wieder einmal eine Sache gelehrt- Babys sind so kompetent ! Klar, darüber gibt es unzählige Bücher aber wir vergessen es trotzdem und hinterfragen herrschende Glaubenssätze wie -Babys brauchen Windeln- nicht. Genauso schwer wiegt jedoch der Tatbestand, dass die Abhalterei auch Stress für alle Beteiligten sein kann - auch für das Baby. Es stellt sich daher schon die Frage bis zu welchem Punkt handle ich tatsächlich bedürfnisorientiert und ab wann beginne ich, etwas zu erwarten und das Baby als Objekt zu betrachten. Es kann nämlich schon frustrierend sein, wenn ich 3 mal versuche, das Kind abzuhalten (weil ich sicher bin, dass es müsste) und es sich mit Händen und Füßen wehrt, um dann einige Minuten später alles einzunässen. Für mich persönlich ist leider die Backup-freie Methode zu stressig, ich will auch nicht soviel meiner Aufmerksamkeit auf die Ausscheidungen meines Kindes richten. Es kann also tatsächlich, auch für das Kind, entspannter sein, einfach eine WWW zu nehmen und das Kind durchschlafen zu lassen, vor allem, wenn es das gewöhnt ist und sich durch Abhalten immer wieder aus dem Schlafen holen lässt. Ich beobachte daher das Ganze sehr genau und bemerke auch an mir selbst, dass ich zu stressigen Zeiten gereizter reagiere, wenn ich doch mal eine Backup-freie Lösung nutze und der Wäscheberg wieder etwas größer geworden ist...Momentan scheint es Madame wirklich noch als das geringere Übel anzusehen und weigert sich, vor allem bei dem großen Geschäft, in die Windel zu machen.

Abschließend zu diesem Thema noch zwei Beispiele dazu, die auch noch einmal sehr deutlich die wahnsinnige Kompetenz unserer Babys unterstreicht.

Madame will bis heute, auch nach so langer Zeit, nicht bei ihrem Papa abgehalten werden-dieser macht eigentlich alles ganz genauso, er hält sie gleich, nutzt den gleichen Abhalteort und kriegt dazu noch die absoluten "sicheren Treffer" delegiert und trotzdem lacht sie nur verschmitzt und denkt gar nicht daran, sich zu erleichtern. Wenn ich sie dann übernehme, hält sie gerade noch so lange durch, bis der Papa den Raum verlassen hat. Und da spricht noch einer davon, dass Babys ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren können (es sei denn natürlich, sie sind so vertieft im Spiel, da kann das schon mal vergessen werden).

Das zweite Beispiel hat mir wieder einmal gezeigt, wie blind ich für die Kooperationsfähigkeit meiner Tochter bin. So sehr ich mir das nämlich auch wünschen würde, ich bin nicht komplett neutral in meiner Reaktion. Ist sie ohne Windel unterwegs und macht kurz nach dem gescheiterten Abhalteversuch in die Hose, ist sicher meine Mimik recht eindeutig und sie muss denken, mmm ohne Windel darf ich wohl nicht... . Hat sie dann zu einem anderen Zeitpunkt (wie nachts) wiederum mehrmals hintereinander in die Windel gemacht oder ich hab das große Geschäft verpasst, wasche ich sicherlich auch nicht immer mit glücklichster Mine die Windel aus.

Zusätzlich sagt ihr der innere Instinkt, in die Hose darf ich auch nicht machen, da beschmutze ich ja mein Nest. Neulich waren wir dann wieder einmal in der Stadt unterwegs und sie war eine ganze Weile wach. Nach einer Weile begann sie dann wie wild zu schreien und steigerte sich immer mehr herein. Ich war nach einer Woche allein mit ihr schon etwas entkräftet und der Überzeugung, dass sie irgendeinen Entwicklungsschub durchmachen müsse und entsprechend schlecht gelaunt ist, wie auch schon die gesamte Woche über und gab ihr mit meiner Haltung zu verstehen, dass ich genervt bin und nicht verstehen kann, was sie von mir will. Zu Hause packte ich sie aus der Trage und stellte fest, dass sie die ganze Zeit über nicht in die Windel gemacht hat und sich wohl offensichtlich wieder dagegen gewehrt hat. Was soll sich also das Baby bei diesen ganzen Erfahrungen denken? Egal wie ich es mache, egal wie ich kooperiere, es scheint wohl nicht richtig zu sein. Dieses Erlebnis hat mir mal wieder gezeigt, wie schwer es manchmal fällt, die Situation aus Sicht des Kindes zu beurteilen und Kooperation zu erkennen. Das Baby handelt 1. natürlich nie bewusst so, um dich zu ärgern und 2. man sollte sich immer auch fragen, was mein, auch unbewusstes, Verhalten dem Kind für Rückmeldungen gibt. 

 

Es heißt also, lieber einmal mehr durchatmen und mögliche Gründe für das Verhalten in Erwägung ziehen, bevor wir vor lauter Stress, Übermüdung oder Alltag die Reaktion als persönlichen Affront betrachten.

 

Noch ein Zusatz...gerade eben hat es mein Mann doch immerhin zum dritten mal bisher geschafft, die kleine Maus abzuhalten, der Vorführeffekt scheinbar:-)

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